Aus dem Leben einer Verwirrten
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Der Tag an dem ich etwas verlor

Ein ziemlich sonniger Tag war es. Es war ein wirklich schöner Dienstag. Schön. Aber das hielt nicht lange an. Er war am frühen Nachmittag schon vorbei.

Nur einen Tag zuvor hatte ich einen Termin mit der netten Frau am anderen Ende der Leitung vereinbart. Auf der Visitenkarte stand in kursiven Lettern – Mund-, Kiefer- und Gesichtschirugie. Das ist es, was mir der Tag versprach. Höllenqualen.
Der restliche Montag war geprägt von Fressorgien. Vorsorge ist besser als Nachsicht, dachte ich bei mir und verschlang 1 bis 5 Brote.

Die Sonne weckte mich erst recht spät. Allgemeines Befinden – doch, recht akzeptabel. Ein Blick in den Spiegel – Hey, gar nicht so scheiße.

Es gab Nudelsalat mit Buletten. Nicht grad mein Leibgericht, aber es war eh zu warm um wirklich viel zu Essen. Vielleicht ein Fehler.

Schon früh riss mich mein Vater aus einem Tagtraum, den ich im Garten träumte.
Es geht los. Die Fahrt in die graue Stadt. Wusste gar nicht, dass man eine ganze Stunde einplanen muss um dorthin zugelangen.
Aber wie schön die Stadt doch ist. Und wo man überall Essen könnte…

Am Ende der verlockenden, von Menschen durchwimmelten Straße war nun diese grau-braune, nichts sagende Tür mit der Nummer 3 dran. Vielleicht waren mal Glaselemente in der Tür, die skrupellos und voller Wut eingetreten wurden. Vielleicht hat der Hausbesitzer auch nur keinen Geschmack. Man weiß es nicht. Ich ging einfach hindurch, in ein Treppenhaus, welches der Tür entsprach.

Im 1. Stock befindet sich ein Schild mit den gleichen kursiven Worten wie auch der Visitenkarte: Mund-, Kiefer- und Gesichtschirugie.
Erstaunlicherweise sieht es bei Ärzten, jeglicher Gattung, gleich aus. Keine wirklich hübschen Bilder, keine jungen Männer, die einen ablenken könnten, keine Auffälligkeiten. Nur ein länglicher Flur mit einem Tresen.
Die Stimme der Frau erkenne ich sofort wieder. Sie hat mir das hier eingebrockt.
Und knüpft mir verdammte 10€ ab. 10€ für Schmerzen, Leiden und Schwellungen.
Wie unfair…

Lieblos reicht sie mir ein Klemmbrett mit einem langweiligen Zettel zum Ausfüllen.
Medikamente? Nein. Schwangerschaft? Nein. Name? Nein.

Es ist niemand anderes im sonnendurchfluteten Wartezimmer.
Und die Aussicht lässt auch zu wünschen Übrig.
Es bleibt die Hoffnung schnell dran zu kommen.
Und ja, da geht es auch schon gleich los mit der Sause!

Für einen Zahnarzt ist es ein wirklich angenehmer Behandlungsraum.
Groß, ein bisschen Schattiger als das Wartezimmer, ziemlich modern.
Ein bisschen Small Talk verdrängt die Langeweile. Welche Langeweile?
Das gefällt und lässt Freude aufkommen. Besonders das Andy Warhol Bild an der Wand.
Ich kann mich gar nicht weiter umgucken, da hängt auch schon die ein oder andere Spritze in meinem Zahnfleisch.
Was war das? Was war mein letzter Gedanke?
Egal, nun ist es zu spät um wegzurennen. Realisiert. Freude schlägt um in ein Ganzkörperpochen.

Ich muss den Raum wechseln. Das Schild mit der Aufschrift „OP-Raum“ lässt mich nicht ruhiger werden.
Wieder wird mir ein Klemmbrett in die Hände gedrückt. „Bewilligung zur Entnahme der Zähne“ . Wo ist das Kästchen für nein, ich hab’s mir anders überlegt?
Die Unterschrift wird zum gekritzelten Wirrwarr.
Das war’s dann wohl.

Mir werden mehrere Lagen Handtuch unter den Kopf und auf meine Kleider gelegt.
Kein schönes Gefühl. Die Dame in Weiß schließt die Jalousien. Es wird so dunkel.
Aber immer wärmer.
Ein paar letzte Tests, ob meine Wahrnehmung auch wirklich beeinflusst wurde und dann geht’s auch schon los.
Tatsächlich sollten nur 2 Zähne gezogen werden. Den dritten hätte ich noch abwehren können. Das wird schon nicht so schlimm werden. Immer raus damit.

In der nächsten halben Stunde musste ich auf Gummipfropfen beißen, habe eine unnatürliche Knack-Geräusche gehört, wurde in mir herumgebohrt und habe ich eklige Drücke empfunden.
Ungeahnte Schimpfwörter, unheimlich philosophisches Zeugs und teilweise sogar nackte Männer sind durch meinen Kopf geflogen. Alle im Zusammenhang zueinander. Ein großes Chaos, was in dem Moment irgendwie Sinn gemacht hat.
Ein paar Minuten mehr „Ablenkung“ und ich hätte vielleicht die Formel für ewigen Frieden und Freude auf Erden entdeckt.

Irgendwann war es vorbei. Gefühlte 3 Stunden später wachte ich aus meinem tranceähnlichen Zustand auf und hatte kein Gefühl mehr in meinem Kiefer. Was gut so war. In diesem Moment.
Betäubt ließ ich mich zu einer überteuerten Zahnbürste überreden und verschwand ohne was zu sagen.
Ich muss meinen Peinigern keinen schönen Tag wünschen.

Auf dem Weg nach Hause sprach ich kaum. 3 Sätze nach dem Muster Subjekt-Prädikat-Objekt mussten reichen.

Das Wetter wurde währenddessen immer besser und sonniger. Ein Tag um ihn am Strand zu verbringen, mit Freunden zu teilen und Eis essen zu gehen.

Ich rannte noch einmal sprachlos durch den Ort, von Apotheke zu Apotheke, nahm verschiedene Tabletten und weinte mich in den Schlaf.

Als Andenken an diesen wundervollen Tag durfte ich die Zähne behalten.
Als Erinnerung an eine schöne Zeit. Eine Zeit mit Weißheitszähnen. Eine unbeschwerte Zeit.
Eine Zeit ohne Schmerzen und Hamsterähnlich angeschwollene Wangen.
3.7.08 21:27
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


ich und ich (18.7.09 15:02)
Bethmann?
Sehr gut geschrieben :D

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